Rarität taucht auf: Instrument von Friedberger Firma Glück – Steinhauer hat vermittelt, Musikhaus Ortel spendet
Quelle: Wetterauer Zeitung vom 6.1.2012
Friedberg (ihm). Zwischen 1843 und 1917 bestand in Friedberg die Pianoforte-Fabrik Glück. Ihre Klaviere sind eine Rarität. Lokalhistoriker Burkhard Steinhauer jedenfalls hat erst eins gesehen: Ein Instrument aus der Hinterlassenschaft einer alten Dame. Ihre Angehörigen übergaben es ans Musikhaus Ortel. Inhaber Holger Becker will es instand setzen und dem Wetterau-Museum stiften.
Wer wie Becker Klaviere restauriert, bekommt es mit schönen Instrumenten zu tun, von Steinway, Bechstein, Blüthner… Viele Stunden muss er investieren, bis die »Schätzchen wie neu geschaffen vor ihm stehen. Jüngst wurde ihm eine besondere Kostbarkeit übergeben: ein Klavier aus dem Hause Glück. Es stammt aus der Hinterlassenschaft einer Friedberger Seniorin. »IhreVerwandten wollten es nicht entsorgen. Deshalb gaben sie es mir«, sagt Becker.Wie die Angehörigen erzählt hätten, sei das Instrument in Friedberg hergestellt worden.
Eine Klavierfabrikation vor Ort? Das war Becker neu. »Ich bin schon einige Jahre hier unterwegs, aber solch ein Klavier war mir noch nie untergekommen.« Er forschte in Internet-Foren, schaute in Listen nach. Im »Atlas der Pianonummern« fand er einen Hinweis: Tatsächlich gab es die Firma Carl Glück in Friedberg. Technisch in schlechtem Zustand, sieht das Klavier gleichwohl ansprechend aus: Es hat zwei Kerzenleuchter, Jugendstilornamente, und es trägt die Aufschrift »Fr. Jos. Glück, Friedberg«. Das war der Sohn des Firmengründers. Kurz darauf kam das Wetterau-Museum auf Becker zu. Man habe von dem Klavier gehört, sei daran interessiert. Er bot an, das Spielwerk instand zu setzen und das Instrument an die Einrichtung zu spenden. »Bis Frühjahr ist es voraussichtlich fertig.«
»Muss der Stadt erhalten bleiben«
Den Tipp erhielt das Museum von Lokalhistoriker Steinhauer.Wie er erzählt, rief ihn eines Tages eine Seniorin an: »Sie sagte, sie habe ein altes Klavier – mit Jugendstilornamenten. Es stamme von der Firma Glück.« Ob er sich das Instrument ansehen könne? Steinhauer horchte auf. Schon lange beschäftigte er sich mit dem Friedberger Klavierbauer. »Ich hatte immer gehofft, mal so ein Klavier zu sehen. ›Es müsste ganz viele geben‹, dachte ich. Aber Fehlanzeige.« Ihn und die Seniorin interessierte auch die Frage, ob es eine Querverbindung zur Friedberger Möbelfirma Bindewald gab. War Bindewald Produzent des Gehäuses gewesen? Falls ja, hatte vielleicht der Jugendstilkünstler Joseph Maria Olbrich die Ornamente entworfen. Steinhauer besuchte die alte Frau. Er stellte fest: Das war kein Bindewald-Gehäuse. »Glück muss die Gehäuse selbst gebaut haben«, vermutet er. Zu einem späteren Zeitpunkt erhielt Steinhauer erneut einen Anruf wegen des Klaviers. Es stehe jetzt beim Musikhaus Ortel. »Ich rief Museumsdirektor Johannes Kögler und Bürgermeister Michael Keller an. Ich regte an, dass das Klavier Friedberg erhalten bleiben müsse.« Das sahen die beiden genauso.
Im Stadtarchiv gibt es Infos über den Firmengründer. Sein Enkel Karl Friedrich Glück dokumentierte seine Geschichte. Geboren wurde Carl Ludwig Heinrich Glück 1817 in Meerholz (Kreis Gelnhausen). Nach der Schule wurde er Klavierbauer, 1842 war er Meister. Als er hörte, dass im Lehrerseminar Friedberg ein Fachmann zum Instandhalten und Stimmen von Flügeln gesucht wurde, bewarb er sich. Er richtete eine Werkstatt zum Bau von »Tafelclavieren« ein, die er bald vergrößern konnte. Zwei Söhne traten in die Firma ein: Karl und Friedrich Joseph. 1868 verlieh Großherzog Ludwig III. dem Vater den Titel Hof-Instrumentenmacher. Die Fabrikation währte laut Enkel von 1843 bis 1917, der Erste Weltkrieg setzte ihr ein Ende.
Backenbart und Käppchen
Glück war mit einer Friedbergerin verheiratet, er hatte sieben Kinder. Sein Enkel beschrieb ihn wie folgt: »Er war zeitlebens ein sehr fleißiger Meister, gütig und sehr zuvorkommend, von hohem Wuchs, trug schwarzes gescheiteltes Haar, Backenbart und ab seinem 70. Geburtstag ab ein graugrünes Käppchen, das mit Efeugirlanden bestickt war, ein Geburtstagsgeschenk seiner jüngsten Tochter. Hatte jemand ein Klavier gekauft, so trug er dem betreffenden Kunden einige Klavierstücke – vornehmlich Walzer – vor und der Betreffende war verwundert ob der großen Fingerfertigkeit des alten Herrn.« Ein Artikel in der Gartenlaube von 1884 beleuchtet seineWohltätigkeit.
Für eine Aktion der Gartenlaube, bei der Klaviere für bedürftige Leser organisiert wurden, stiftete er vier Instrumente »für arme Lehrerwittwen«. Eine der Beschenkten schrieb einen Dankesbrief: »Heute ist das von der Redaktion erbetene Clavier hier eingetroffen. Wo finde ich Worte, wie soll ich richtig dankbar sein.Wie mangeln die Kräfte, einer solchen Freude Ausdruck zu verleihen. Ich und mein Knabe haben nun ein Clavier. « So geht es jetzt auch dem Wetterau- Museum.
